nachts im boot

vor einigen wochen traf ich roland auf einem campingplatz in der nähe von mülheim. er sprach über seine krankheit, seine hoffnungen und über seinen großen traum. dass er dann seine geschichte noch einmal in meinen kleinen digirecorder erzählte und mir außerdem die erlaubnis zur veröffentlichung gab, empfinde ich als großes vorrecht.

es ist nicht schwer, über träume und visionen zu sprechen, wenn man der meinung ist, noch genügend zeit zur umsetzung vor sich zu haben.

wenn diese gedanken aber durch das leise piepsen des ekg gestört werden, wenn im rechten arm eine lange nadel steckt, an der ein kleiner plastikschlauch befestigt und die verbindung zu einer plastikflasche herstellt, aus der im sekundentakt eine unbekannte flüssigkeit in die venen tropft, bekommen träume einen anderen stellenwert. denn: die zeit zur umsetzung wird knapp. oder: die möglichkeit zur umsetzung ist schlichtweg nicht mehr möglich.

als roland seine geschichte beendet hatte, kam sein freund am wohnwagen vorbei. auch der konnte eine geschichte aus seinem leben erzählen - aber die gibt´s später…

weggesperrt

dsc_0199wer die eingefahrenen autobahnen und hauptstraßen österreichs verlässt, wer auf die kleinen nebenstraßen ausweicht und wer dann sogar noch das auto stehen lässt, um sich zu fuß in richtung alm/weide/gipfel aufzumachen, der trifft nach kurzer zeit auf diese kleinen, reich verzierten „minikapellen“. „bildstöcke“ sagen die profis dazu, „marterl“ die einheimischen. aufgemalte heiligenbilder und / oder das jesuskind und / oder der gekreuzigte jesus übermitteln eine wichtige botschaft. vielleicht sind deswegen in sichtweite dieser minikapellen bänke angebracht: der betrachter soll sich zeit nehmen, um über die botschaft, die hier vielfarbig transportiert wird, nachzudenken.

ich hab` mich von einer dieser holzbänke zum ausruhen einladen lassen. habe mir zuerst die bilder angeschaut, dann mir zum gekreuzigten jesus im schoß gottes liegend gedanken gemacht und doch…: irgendwann gelang es mir nicht mehr, über kunstvolle bildchen zu sinieren. der alltag war viel interessanter: die leute, die an dieser minikapelle vorbeizogen, beachteten die heiligen/jesus/Gott oder wenigstens die kapelle überhaupt nicht.

der weggesperrte jesus.

natürlich verliert vieles im lauf der zeit seinen reiz, wird langweilig. und vermutlich war es auch so, dass sich die einheimischen, als dieses gotteshäuschen fertiggebaut war, beim vorbeigehen noch voller ehrerbietung bekreuzigten. heute, über zwanzig jahre später, wird die botschaft kaum noch wahrgenommen. möglich wäre auch, dass sie gar nicht wissen, was es mit diesen bildern auf sich hat.

ich habe mir einige dieser bildchen angesehen. auf keinem, wirklich!, auf keinem dieser bilder wurde jesus in einer feuerwehrmontur gemalt. und auf keinem, wirklich auf keinem! dieser bilder hatte er eine polizeimütze auf. keine kanone in der hand. kein stethoskop um den hals. keine richterrobe umgehängt. keinen blaumann an. auf keinem bild zeigte er sich als mann mit megamuskeln. nix, gar nix. nur dieser dünne mann mit tuch um die lenden. leidend am kreuz oder als baby im arm einer - manchmal - abwesend blickenden frau. mehr nicht.

kann ein solcher jesus meinen alltag verstehen? woher weiß er, wie es ist, wenn die gesundheit nicht mehr zurückkommen will? wie es ist, wenn man einen geliebten menschen verliert? keinen job findet? die frau bei nacht und nebel mit den kindern abgehauen ist? die kinder nichts mehr von mir nichts wissen wollen! weiß das einer, der halbtot am Kreuz hängt oder als säugling - mit heiligenschein und entrückt von dieser welt im schoß einer heiligen die huldigungen der gläubigen entgegen nimmt? wie kann jemand, der so dargestellt wird, wissen, unter welchen bedingungen ich mein leben lebe? und - wenn wir schon dabei sind: woher kann er wissen, wann und welche hilfe ich brauche?!?

wenn ich mir das neue testament vornehme (eine biographie über jesus), dann begegnet mir dort ein jesus, der mitten im leben steht. der wusste, über was gerade im land geredet wurde; welche not herrschte; einer, der sich problemlos verständigen konnte; der lachte; der trauerte; explodierte; streichelte; diskutierte und und und. alles dabei. alles mitgemacht. es war definitiv kein leben hinter der eisentür. damals.

österreich 1

oestereich12

vor mehr als fünfzehn jahren hatte ich meinen ersten richtigen, großen filmauftrag in der tasche: ich sollte eine reportage über die schwierigkeiten und herausforderungen von evangelischen christen in österreich drehen. anfangs konnte ich mir unter diesem auftrag überhaupt nichts vorstellen… - was für schwierigkeiten? aus welchem grund?!? ich hatte natürlich gehört, dass es für christen in dieser welt nicht immer einfach ist, ihren glauben zu leben und zu bekennen - aber in österreich? direkt neben deutschland?!?

ich fuhr seinerzeit quer durchs land; sprach mit leuten, die an gott glaubten, ihren glauben jedoch nicht in der katholische kirche lebten und praktizierten. ich hörte von abenteuerlichen vorfällen, kam selbst in den brennpunkt erlebter ablehnung. und das alles keine dreihundert kilometer von der deutschen grenze entfernt. damals vor fünfzehn jahren…

in diesen tagen bin ich wieder in österreich, besuche die leute von damals. ich bin absolut überrascht - die lage hat sich total verändert: die, die vor fünfzehn jahren gemieden, verspottet oder ausgelacht wurden, sitzen heute im stadtrat und tragen verantwortung für ihre stadt. sie sind integriert in das land - oder dorfleben und die frühere ablehnung ist größtenteils geschichte.

die wolken lichten sich. beziehungen sind entstanden, vertrauen gewachsen. grund dafür war der lange atem von denen, die damals um ihres glaubens willen angemacht wurden. hochachtung und respekt!

zeichen der hoffnung

fabrik

beim ordnen und archivieren meiner fotos aus den vergangenen monaten stieß ich auf diese aufnahme. das bild zeigt eine fabrik nahe der autobahn, kurz vor der deutschen grenze. die abendsonne auf der fabrik und im hintergrund der dunkle himmel bilden einen starken kontrast. was ich beim fotografieren nicht wusste: das bild war wie eine vorausschau auf die nun folgenden monate meines lebens. denn kaum hatten wir die grenze passiert, kamen diverse emails aufs phone, die mir die urlaubsstimmung vermiesten. und: mich erwartete eine heftige zeit, die sich über mehrere monate hinziehen sollte.

ein kurzer blick auf dieses foto genügte, um mir sämtliche gedanken, gefühle, wutausbrüche und verletzungen von seinerzeit wieder in erinnerung zu bringen. genial: mittlerweile hat das alles keine angriffsfläche mehr. es ist „durch“, überstanden und verarbeitet. heute ist alles sehr gut und ich bin froh, dass ich mir diese aufnahme nicht früher zwischen die finger gekommen ist…

es gibt leute, die sagen einem in schweren stunden, dass man durchhalten soll, weil alles sowieso - irgendwann - wieder besser werde. bei solchen statements schwillt mir der kamm. diese aussagen sind unverantwortlich. würdelos. wer so etwas sagt, erweist keinen respekt und kein mitgefühl mit demjenigen, der sich gerade in der epizone seines ganz persönlichen erdbebens befindet.

ich habe seinerzeit Gott in meine situation mit einbezogen; habe ihm mehrfach (am tag…) geschildert, wie´s in mir aussieht und ihm diverse lösungsvorschläge unterbreitet. außerdem (natürlich) nannte ich ihm den termin zur aufklärung und behebung des problems: SOFORT.

für beides, also „lösungsvorschläge“ und „termin zur behebung des problems“, hatte Gott andere, ganz eigene vorstellungen: freunde kamen vorbei und hörten mir zu. luden mich zum essen ein. einer drückte mir den schlüssel für seinen sportwagen in die hand. die familie wurde ein wahrer meister im abfeuern von hoffnungszeichen. leute riefen mir an, von denen ich schon lange nichts mehr gehört habe. und wenn ich jetzt - heute - dieses foto betrachte, denke ich an die vielen umarmungen, redestunden, an den sportwagen und die ermutigung. und deshalb kann ich sagen: cooles bild!

eins ist klar: wer sich im epizentrum seines ganz persönlichen erdbebens befindet, kann nicht auch noch leute bitten, damit die einem dann ein paar hoffnungszeichen vorbeischicken. DESHALB, deshalb sind die gefragt, denen es gerade gut geht, die die kraft und die zeit und liebe dafür haben, einem anderen zeichen der hoffnung zu schenken. übrigens: wer hoffnung weitergibt, wirft einen bummerang.

ich habe hier einige hoffnungszeichen notiert. eurer kreativität sind keine grenzen gesetzt. weitere ideen und „zeichen“ sind erwünscht.

  1. sich erzählen lassen (NICHT darauf hinweisen, dass das doch alles schon so oft gehört wurde… - zeit schenken, besuchen, zuhören)
  2. unangemeldet besuchen (natürlich nur, wo´s passt). und: nicht stundenlang bleiben; erspüren, wie viel der andere ertragen kann.
  3. nachfragen, wo konkret hilfe benötigt wird; entlasten.
  4. bei wem möglich: geld schenken. das müssen keine hohen beträge sein!
  5. für die person beten (wenn´s dem anderen weiterhilft, dann kann man diese gebetsunterstüzung anmoderieren; ansonsten: machen und schweigen)
  6. sich umhören, welche art von hilfe benötigt wird (rechtsschutz, steuerberater, anwalt, therapeutische hilfe, seelsorge)
  7. einladen ins kino
  8. manchmal sagen leute, dass sie nicht mehr beten können. person beruhigen und versprechen, dass man diesen part übernimmt.
  9. nachfragen, wo praktische hilfe notwendig ist (kinder in kiga oder schule bringen / essen organisieren)
  10. seine handynummer weitergeben und versichern, dass das handy tag und nacht am mann/frau ist
  11. immer wieder anrufen
  12. wo´s passt: ein highlight schaffen (sportwagen, kino, stadtbesuch, essen einladen)
  13. die hand halten, in den arm nehmen (berührung!)
  14. segnen

das soll genügen. ich muss jetzt dringend jemand anrufen.

göttlich korrekt

img_0366„gott, wenn´s dir nichts ausmacht und wenn du gerade zeit für mich hast… ich brauche dringend deine hilfe.“

die geschichte und die ereignisse um jenes gebet gibt´s (auch) im neuen podcast. ausgesprochen von jemand, der in seinem bisherigen leben so gut wie nie gebetet hat, zeigt´s die unsicherheit, ob das, was formuliert, auch „göttlich“ korrekt ist.

dabei legt gott gar keinen wert auf eine perfekte wortwahl und auf äußerlichkeiten. ebenso ist es ihm gleichgültig, ob das gebet in einer großen kirche, im gedränge auf der fußgängerzone oder in einer verlassenen wohnung ausgesprochen wird.

ich habe in einer notsituation ein ähnliches gebet gesprochen. allerdings: die hoffnung, dass gott tatsächlich eingreift, hielt sich die waage mit dem zweifel, ob das auch tatsächlich was wird. auch diese geschichte / erfahrung gib´st im aktuellen podcast. nur so viel: Gott hat tatsächlich geholfen, aber völlig anders, als ich mir das vorgestellt habe.

Sehnsucht - Folge 7

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weiter geht´s. nächste folge, nächste geschichte. ein podcast über ZEICHEN DER HOFFNUNG. viel spaß beim zuhören.

dumme doofe schlampe würdelos

img_03641vergangenes wochenende war ich unterwegs, um von leuten geschichten aus ihrem leben anzuhören (demnächst hier zu sehen und zu hören). auf der fahrt nach hause legte ich einen zwischenstopp beim pizzabäcker meines vertrauens ein. die pizza ist grandios, ebenso die zusammensetzung ihres lokals: sie nennen sich „roy“, haben eine italienische fahne als leuchtreklame, der chef ist türke und sein kollege kommt aus indien. das zum thema „internationales abendessen“.

während des wartens auf nummer 6 lehnte ich an den türrahmen. am nebentisch saßen ein vielleicht 50jähriger mann und eine höchstens 20jährige frau. sie hatten stress miteinander. zu beginn war´s harmlos, wer hat nicht mal stress in der beziehung. doch nach und nach wurde der typ ausfallend. faselte was von „flittchen“, von „dumme sau“ und „doofes stück“. anfangs hielt die frau noch dagegen, hatte aber nach kurzer zeit keine chance gegen den dominanten typ. der wurde immer lauter, am schluss brüllte er: „dann hau doch ab du schlampe! zieh zu deinen eltern!“

ganz davon abgesehen, dass dieses verhalten absolut peinlich war… - ein blick genügte, um zu erkennen, dass diese junge frau diesem typ hörig war. er verletzte, brüllte und raubte dem mädchen jede ehre. es ist nicht schwer zu erahnen, welche lebensgeschichte sie erzählen würde. weinend stand sie auf und schob sich an mir vorbei. „hau ab“ schrie der typ und griff nach seiner bierflasche.

widerlich. zertrampelte würde, zerbrochene ehre, zerstörtes leben.

die geschichte begleitet mich immer noch. bei den vorbereitungen zum neuen podcast dachte ich immer wieder an das gesicht der jungen frau. und ich konnte nicht anders, als auch über die würde und den wert zu sprechen. morgen früh um acht ist er online, der podcast.

this is me

s.oliver - werbung winter 2009/2010

s.oliver - werbung winter 2009/2010

am wochenende werde ich wieder unterwegs sein, um mit leuten über „this is me“ zu reden.

gar nicht so einfach, über sich selbst, seine erinnerungen, hoffnungen und wünsche zu sprechen. viel schwieriger wird´s allerdings, wenn da kameras, digitale recorder und anderes equipment zum einsatz kommen. hoffe, dass keiner seinen (kopf) roten faden verliert.

die interviews und filmclips stehen alle im zusammenhang mit der aktuellen pocdast - serie „sehnsucht“. die ersten sechs folgen sind online, in einigen tagen gibt´s die fortsetzung.

schönes wochenende allen!