weggesperrt
wer die eingefahrenen autobahnen und hauptstraßen österreichs verlässt, wer auf die kleinen nebenstraßen ausweicht und wer dann sogar noch das auto stehen lässt, um sich zu fuß in richtung alm/weide/gipfel aufzumachen, der trifft nach kurzer zeit auf diese kleinen, reich verzierten „minikapellen“. „bildstöcke“ sagen die profis dazu, „marterl“ die einheimischen. aufgemalte heiligenbilder und / oder das jesuskind und / oder der gekreuzigte jesus übermitteln eine wichtige botschaft. vielleicht sind deswegen in sichtweite dieser minikapellen bänke angebracht: der betrachter soll sich zeit nehmen, um über die botschaft, die hier vielfarbig transportiert wird, nachzudenken.
ich hab` mich von einer dieser holzbänke zum ausruhen einladen lassen. habe mir zuerst die bilder angeschaut, dann mir zum gekreuzigten jesus im schoß gottes liegend gedanken gemacht und doch…: irgendwann gelang es mir nicht mehr, über kunstvolle bildchen zu sinieren. der alltag war viel interessanter: die leute, die an dieser minikapelle vorbeizogen, beachteten die heiligen/jesus/Gott oder wenigstens die kapelle überhaupt nicht.
der weggesperrte jesus.
natürlich verliert vieles im lauf der zeit seinen reiz, wird langweilig. und vermutlich war es auch so, dass sich die einheimischen, als dieses gotteshäuschen fertiggebaut war, beim vorbeigehen noch voller ehrerbietung bekreuzigten. heute, über zwanzig jahre später, wird die botschaft kaum noch wahrgenommen. möglich wäre auch, dass sie gar nicht wissen, was es mit diesen bildern auf sich hat.
ich habe mir einige dieser bildchen angesehen. auf keinem, wirklich!, auf keinem dieser bilder wurde jesus in einer feuerwehrmontur gemalt. und auf keinem, wirklich auf keinem! dieser bilder hatte er eine polizeimütze auf. keine kanone in der hand. kein stethoskop um den hals. keine richterrobe umgehängt. keinen blaumann an. auf keinem bild zeigte er sich als mann mit megamuskeln. nix, gar nix. nur dieser dünne mann mit tuch um die lenden. leidend am kreuz oder als baby im arm einer - manchmal - abwesend blickenden frau. mehr nicht.
kann ein solcher jesus meinen alltag verstehen? woher weiß er, wie es ist, wenn die gesundheit nicht mehr zurückkommen will? wie es ist, wenn man einen geliebten menschen verliert? keinen job findet? die frau bei nacht und nebel mit den kindern abgehauen ist? die kinder nichts mehr von mir nichts wissen wollen! weiß das einer, der halbtot am Kreuz hängt oder als säugling - mit heiligenschein und entrückt von dieser welt im schoß einer heiligen die huldigungen der gläubigen entgegen nimmt? wie kann jemand, der so dargestellt wird, wissen, unter welchen bedingungen ich mein leben lebe? und - wenn wir schon dabei sind: woher kann er wissen, wann und welche hilfe ich brauche?!?
wenn ich mir das neue testament vornehme (eine biographie über jesus), dann begegnet mir dort ein jesus, der mitten im leben steht. der wusste, über was gerade im land geredet wurde; welche not herrschte; einer, der sich problemlos verständigen konnte; der lachte; der trauerte; explodierte; streichelte; diskutierte und und und. alles dabei. alles mitgemacht. es war definitiv kein leben hinter der eisentür. damals.

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